- Kostendruck treibt intransparentes Trading-down bei Komponenten
- Deutschland besonders gefährdet: Geringste Transparenz im Ländervergleich
- Ohne digitale Transparenz fehlen Unternehmen Mittel zu angemessenen Reaktionen
Frankfurt am Main, xx. Juli 2026 – Ob Schokolade oder Eiscreme – aus dem Supermarkt ist das Muster bekannt: gleicher Preis, weniger Inhalt. Die Informationen darüber sind etwas versteckt, aber auf der Verpackung noch erkennbar. In der industriellen Beschaffung greift mit „Skimpflation“ ein ähnlicher Effekt mit einer Absenkung von Spezifikationen, dem Einsatz kostengünstigerer Materialien sowie der Beauftragung von preiswerteren Lieferanten. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie von Ivalua, Anbieter der gleichnamigen Enterprise KI-Plattform für die Beschaffung: Eine internationale Befragung von 800 Einkaufs- und Supply-Chain-Entscheidern zeigt, dass Skimpflation im Direktmaterial-Einkauf angekommen ist – oft aber kaum gesteuert aufgrund von fehlenden Tools und passenden Einblicken in die Lieferketten.
Skimpflation und die Preise – Besondere Befunde in Deutschland
Unternehmen, die im vergangenen Jahr auf günstigere Komponenten umgestiegen sind oder ihre Spezifikationen „optimiert“ haben, wurden gefragt, welche Auswirkungen dies auf ihre eigenen Verkaufspreise hat. Das Ergebnis: 43 Prozent aller Befragten erhöhten die Preise, 47 Prozent hielten sie konstant, nur 10 Prozent senkten sie. 9 von 10 behielten die Einsparung also für sich, statt sie an ihre Kunden weiterzureichen.
Für die deutsche Industrie ist der Befund doppelt relevant, denn deutsche Unternehmen geben Einsparungen aus dem Materialeinkauf europaweit am seltensten weiter. Hier senkten lediglich fünf Prozent ihre Preise, während 62 Prozent sie unverändert ließen. Zugleich weist Deutschland den geringsten Überblick über das Lieferantenrisiko auf. Diese Kombination – hoher Margendruck bei niedriger Datentransparenz – führt zu einem besonders hohen Risiko, dass Skimpflation weniger steuerbar bleibt als in anderen Ländern.
Intransparentes Trading-down wird strukturelles Risiko
Ein erhöhter Kostendruck führt bereits bei den Lieferanten zu einem Trading-Down, so die Befragung: Die Qualitätsminderung bei gleichen oder höheren Preisen läuft entlang der kompletten Lieferkette – vom Vorlieferanten zum Lieferanten, vom Lieferanten zum Hersteller, vom Hersteller zum Kunden. 52 Prozent aller Befragten geben an, dass Kostendruck sie zur Qualitätsreduktion („Trading-down“) bei Komponenten zwingt. 49 Prozent beobachten dasselbe Verhalten auf Seiten ihrer Partner: niedrigere Spezifikationen bei gleichbleibendem Preis, geliefert von den eigenen Lieferanten.
59 Prozent der Einkaufsorganisationen haben ihre eigenen Spezifikationen im vergangenen Jahr angepasst, 36 Prozent sind auf günstigere Lieferanten oder Komponenten umgestiegen. Im Schnitt hat sich fast ein Fünftel des Direktmaterial-Budgets zu kostengünstigeren Quellen verschoben. Was als Effizienzgewinn beginnt, wird zum strukturellen Risiko: Jede Absenkung der Spezifikation verändert das Qualitäts-, Ausfall- und Reklamationsprofil eines Bauteils – oft ohne, dass diese Folgen an einer zentralen Stelle bemerkt werden.
Der blinde Fleck: Ohne Digitalisierung bleibt Skimpflation unsteuerbar
Genau hier liegt der eigentliche Bruch, den die Studie offenlegt: Skimpflation lässt sich nur steuern, wenn Organisationen Einblicke in ihre Lieferanten haben. Die notwendige Transparenz fehlt jedoch an vielen Stellen. 44 Prozent der Befragten haben keine Transparenz jenseits ihrer Tier-1-Lieferanten, in Deutschland sind es sogar 50 Prozent. 45 Prozent verfügen über kein einheitliches, verlässliches Bild ihres Lieferantenrisikos. Unter den deutschen Teilnehmern ist dieser Wert mit 54 Prozent der höchste im Ländervergleich. Und 58 Prozent räumen ein, dass ihre Abhängigkeit von Tabellenkalkulationen sie menschlichen Fehlern aussetzt.
Wie sehr die Datenlage über die Wahrnehmbarkeit entscheidet, zeigt der Blick auf den Digitalisierungsgrad: Unternehmen, die KI-Werkzeuge im Einkauf einsetzen oder pilotieren, erkennen Skimpflation deutlich häufiger als solche, die den Einsatz erst erwägen – 51 beziehungsweise 58 Prozent gegenüber 29 Prozent. Das heißt: Digitale Prozesse machen Skimpflation in der Lieferkette sichtbar und damit steuerbar. Wer hingegen manuell arbeitet, übersieht die schleichende Qualitätsminderung, bis sie sich in Reklamationen, verzögerten Lieferungen oder gar Lieferausfällen und Absatzverlusten niederschlägt.
Der Einkauf will digitalisieren – verliert aber Zeit an Handarbeit
Die Bereitschaft zum digitalen Umbau ist vorhanden: 73 Prozent der Einkaufsverantwortlichen wollen Technologie einsetzen, um Beschaffungsprozesse zu automatisieren und zu beschleunigen. Zugleich versickert im Schnitt fast ein Fünftel der Arbeitszeit in manuellen Tätigkeiten, die sich automatisieren ließen. Der Engpass ist selten der Wille, häufig die Datenqualität: Jeder Zweite hält die eigenen Beschaffungsdaten für noch nicht KI-tauglich, ebenso viele bezeichnen ihre Lieferantenprüfung als zu langsam für das heutige Risikoumfeld.
Der Skimpflation-Falle durch digitale Tools entkommen
„Wenn Unternehmen keinen Überblick über ihre Lieferkette haben, zwingt sie der Kostendruck zum Handeln. Sie streichen Komponenten, wechseln zu günstigeren Lieferanten und hoffen, dass die Kunden ein Auge zudrücken. Deutschland ist besonders betroffen, wenn hier die Hälfte der Unternehmen keinen Einblick in ihre Lieferkette über die Tier-Lieferanten hinaus haben“, sagt Alex Saric, Experte für Smart Procurement bei Ivalua. „Wenn man KI einfach nur auf Tabellenkalkulationen und verstreuten Systemen einsetzt, führt das nicht zu besseren Entscheidungen – es führt nur dazu, dass falsche Entscheidungen schneller getroffen werden. Nur wenn die Datengrundlagen stimmen, merkt man, dass die Qualität sinkt, während die Preise gleich bleiben oder gar steigen. Digitale Einkaufsprozesse schließen genau diese Lücke – sie machen aus verstreuten Einzeldaten ein belastbares Gesamtbild und verwandeln Kostendruck in eine steuerbare Größe statt in ein verdecktes Risiko. Dann müssen Unternehmen nicht mehr zwischen dem Schutz ihrer Margen und dem Schutz ihrer Kunden wählen.“
Über die Studie
Die Umfrage wurde im März 2026 von Sapio Research im Auftrag von Ivalua durchgeführt. Befragt wurden insgesamt 800 Einkaufs- und Supply-Chain-Entscheiderinnen und -Entscheidern aus Deutschland, Frankreich, den USA und dem Vereinigten Königreich (je 200 pro Land). Die Teilnehmenden verantworten Beschaffungs-, Logistik- oder Lieferkettenfunktionen in Organisationen unterschiedlicher Größe und Branche. Fragen zur direkten Materialbeschaffung wurden Unternehmen aus direkt beschaffenden Industrien gestellt (Teilstichprobe: 240).